Arnsburg Kloster

Deutschland
Gesamtbelegung: 446
50°29'38.53"N; 8°47'25.66"E
Auf der Gräberstätte aus den Jahren 1959/60 ruhen 453 Tote. Die meisten von ihnen kamen im oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ums Leben: sowjetische Kriegsgefangene, Gestapo- und KZ-Häftlinge, Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS, Zwangsarbeitskräfte, Displaced Persons und deutsche Zivilisten, außerdem sieben Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Auch 13 Tote des Ersten Weltkriegs sind hier begraben.


Die Toten wurden vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. in die Klosterruine Arnsburg umgebettet. Zuvor waren sie auf Friedhöfen der Region bestattet, meist an den Orten ihres Todes. Die Bundesrepublik Deutschland garantiert Kriegstoten ewiges Ruherecht und Grabpflege aus öffentlichen Mitteln. Schon bald nach 1945 schien dies für viele der verstreuten Kriegsgräber aber nicht mehr gesichert. Daher wurden Sammelfriedhöfe wie in Arnsburg angelegt. Für ihre Pflege sind die Kommunen zuständig, auf deren Gebiet die Gräberstätten liegen.

Geschaffen als Stätten der Trauer und Mahnung, sind die Sammelfriedhöfe zugleich Orte, an denen scharfe Gegensätze spürbar bleiben. Die dort bestatteten Toten haben ihr Leben zwar alle durch Kriege, viele aber auch als Opfer der NS-Herrschaft verloren. Wo SS-Männer neben KZ-Häftlingen begraben liegen, verliert der Satz, im Tod seien alle Menschen gleich, seine versöhnende Kraft.

So sind unter den Toten von Arnsburg 87 Frauen und Männer, die bei Hirzenhain im Vogelsberg von einem SS-Kommando erschossen wurden (Gräber 291-339, 347-384). Mit Ausnahme von Emilie Schmitz aus Luxemburg (Grab 320) können ihnen keine Namen mehr zugeordnet werden. Dies ist der Grund, warum sie nach der Umbettung als "unbekannte Kriegstote" beigesetzt wurden. Dass sie Opfer eines NS-Verbrechens waren, ließ sich an ihren Arnsburger Gräbern nun nicht mehr erkennen. Der überholte Belegungsplan im Durchgang zur Kriegsgräberstätte dokumentiert diesen Zustand bis heute.

In den 1980er Jahren geriet der Umgang mit den Hirzenhainer Toten zunehmend in die Kritik. Ihr wahres Schicksal war verdrängt worden. Nach jahrelangen Protesten aus der Öffentlichkeit setzte sich im Volksbund die Einsicht durch, dass die irreführenden Grabtafeln ausgetauscht werden mussten. Seit 1996 wird auch in Arnsburg daran erinnert, wer die "unbekannten Kriegstoten" tatsächlich waren: Gefangene des NS-Regimes, ermordet am 26. März 1945, vier Tage, bevor US-Truppen Hirzenhain erreichten. Ebenfalls seit 1996 sind zudem zwei Informationstafeln am Rand des Gräberfeldes dem Gedächtnis der Hirzenhainer Toten gewidmet. Sie erzählen die Geschichte des Verbrechens und dokumentieren eine Gefangenenliste, durch die von einem Teil der Opfer zumindest die Namen überliefert sind.

Der Volksbund in Hessen begreift Kriegsgräberstätten heute als Lernorte der historisch-politischen Bildung. Der Aufgabe, das Geschehene aufzuarbeiten, stellt er sich unter anderem, indem er exemplarische Schicksale von Kriegstoten rekonstruiert und öffentlich zugänglich macht. Mehr über das Schicksal von Emilie Schmitz etwa erfahren Sie auf einer Stele an ihrem Grab. Wir laden Sie ein, auch den Geschichten anderer Toter auf dem Gräberfeld nachzugehen. Im Durchgang zur Gräberstätte befindet sich eine neue Informationstafel mit Lageplan. Die Gräber, an denen Stelen aufgestellt wurden, sind dort mit roten Punkten markiert. Die biografischen Skizzen sind aus den aktuell verfügbaren Quellen rekonstruiert und können ergänzt werden, wenn neue Erkenntnisse vorliegen. Wo die Namen oder das Geschlecht der Toten auf den Gräbern falsch angegeben sind, wurde dies auf den Stelen nach Möglichkeit korrigiert. Die präsentierten Informationen wurden 2017 und 2018 im Forschungsprojekt zur Geschichte der hessischen Kriegsgräberstätten erarbeitet, das der Volksbund in Hessen 1999 ins Leben gerufen hat.

Ein Teil der 87 Ermordeten von Hirzenhain war schon zuvor im dortigen "Arbeitserziehungslager" oder "Erweiterten Frauengefängnis" der Frankfurter Gestapo inhaftiert, das den Breuer-Werken, einem Rüstungsbetrieb, angeschlossen war. Weitere von der Gestapo inhaftierte Frauen wurden am 23. März 1945 beim Herannahen der US-Armee vom Frankfurter Polizeigefängnis nach Hirzenhain verlegt. Unter dem Vorwand der Entlassung wurden sie am 26. März in Marsch gesetzt und in geringer Entfernung vom Lager in einer Grube erschossen.

Im Mai 1945 wurden 87 Leichen aus dem Massengrab geborgen und zuerst auf dem Friedhof von Hirzenhain, dann auf Befehl der amerikanischen Militärregierung auf einer zentral im Ort angelegten Gedenkstätte beigesetzt. 1947 gelang es der Schwester eines Opfers, den Kreis der Täter aus SS und Gestapo zu ermitteln. Der Befehlshaber an der Erschießungsgrube, SS-Hauptscharführer Emil Fritsch, wurde 1951 als einziger der Beteiligten vor Gericht gestellt und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Er starb 1959 in Haft.

Die erste Tafel zum Gedächtnis der Opfer von Hirzenhain, die 1996 im Kloster Arnsburg angebracht wurde, nannte für die Ermordeten ein Zahlenverhältnis von 81 Frauen und sechs Männern. Von diesem Verhältnis war auch das Landgericht Gießen ausgegangen, als es 1951 den Befehlshaber an der Erschießungsgrube zu lebenslanger Haft verurteilte. Seither nannten fast alle Informationsquellen diese Zahlen. Zwar hatte ein Augenzeuge wenige Tage nach der Öffnung der Erschießungsgrube ausgesagt, in ihr hätten "10-15" männliche Leichen gelegen, doch wurde im Ermittlungsverfahren einem anderen Zeugen Glauben geschenkt, der sich zwei Jahre später nur an sechs Männer erinnerte.

Als die einschlägigen historischen Dokumente 2017 im Forschungsprojekt des Volksbunds in Hessen noch einmal ausgewertet wurden, zeigte sich jedoch, dass tatsächlich 76 Frauen und elf Männer erschossen worden waren. Daher wurde der Text der Gedenktafeln von 1996 überarbeitet und ergänzt. Zwei neue Tafeln aus Glas ersetzen seit 2019 die alten, die zudem durch die Witterung schon stark gealtert waren.

Eine Stele am Grab eines der ermordeten Männer greift das Thema des Zahlenverhältnisses ebenfalls auf. Sie nennt den Ursprung der falschen Zahlenangabe und schildert, wie sich diese in der historischen Überlieferung etablierte.